Jannine Sutter

Oktober

Nachdenklich (Foto: Volker Houba)

Krankheit und Sünde - ein Thema!?
Jannine Sutter,
"Herr, du kennst all mein Begehren, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen."(Psalm 38,10 Luther 2017).
Dieses Stossgebet könnte auch von Hiob stammen. Psalm 38 nämlich, in den dieser Satz eingebettet ist, nennt sämtliche körperlichen und seelischen Leiden, die man sich vorstellen kann: Von eiternden Wunden ist die Rede (V. 6), von Schmerzen (V. 18), Trauer (V. 7), Taubheit und Verstummen (V. 14), ja der gesamte Leib sei krank (V. 4). Mit dem Schicksal Hiobs verbindet sich das Problem der Sünde, das in diesem Psalm ebenfalls angesprochen wird (V.4-5.19). Wie hängt beides zusammen, Krankheit und Sünde? Kann, soll, darf es da überhaupt einen Zusammenhang geben? Einige Ausleger interpretieren die in diesem Gebet genannten Schmerzen symbolisch. Die Beterin leide nicht an einer Krankheit, sondern an ihrer Schuld. Folglich gehe es in dem Psalm nicht um Heilung im wörtlichen Sinn, sondern um Vergebung.
Dabei ging man im Alten Israel grundsätzlich davon aus, dass Krankheit eine Folge von Sünde sei. Aus heutiger Sicht erscheint dies zu einseitig. Aber das Thema Schuld ist eine (mögliche) Antwort auf die Frage, die sich jeder Kranke – auch im 21. Jahrhundert – unweigerlich stellt: „Warum? Warum ich? Wer hat Schuld? Ich selbst oder jemand anderes?“ Um genau diese Fragen geht es in Psalm 38 (wie im Hiobbuch).
Die gut gemeinte Haltung – die Frage nach der Schuld auszuklammern – kann fatale Folgen haben: Wer krank und elend ist, bleibt mit existentiellen Fragen allein. Angehörige und Freunde schweigen sich aus, haben Angst, fühlen sich „überfordert“, wollen sich selbst „schützen“. Genau der Effekt, über den der Beter in Psalm 38 klagt (V. 12). Wenn niemand bereit ist, sich auf die Geschichte eines betroffenen Menschen einzulassen, bleibt für ihn oft nur eine Schlussfolgerung: „Ich bin schuld“ (V 4). Und wenn er sich irrt?
Warum wird man krank? Auf diese Frage gibt es meist keine eindeutige Antwort, aber ein hilfreiches Mittel: Zuhören. Darum setzt die Beterin ihre ganze Hoffnung auf Gott, der das Verborgene sieht (siehe Matthäus 6,6). „"Herr, du kennst all mein Begehren, und mein Seufzen ist dir nicht verborgen."(V. 10). Gott möge einstehen, beistehen und erretten (V. 23). An Leib, Seele und Geist. Prima, wenn Kranke in ihrer äusseren und inneren Not nicht allein bleiben, sondern gemeinsam mit anderen Menschen ihr Begehren vor Gott zum Ausdruck bringen.

Mit lieben Grüssen Pfarrer Volker Houba
Bereitgestellt: 28.10.2021      
aktualisiert mit kirchenweb.ch