Jannine Sutter

November

November 3 (Foto: Andreas Berde)

Andreas Berde,
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.


Rainer Maria Rilke

Der Monat November ist der Abschluss des Herbstes. Er ist oftmals neblig, regnerisch und die letzten Blätter fallen bunt und müde bewegt im Wind von den Bäumen. Die Nächte sind allmählich lang und die Tage kurz. Für viele Menschen schlägt das aufs Gemüt und manche kämpfen mit der Schwermut. Manch einen beschleicht das Gefühl, verlassen zu sein. Manch einer fühlt sich womöglich so, als wäre er ganz allein auf dieser Erde. Andere geniessen gegebenenfalls das Mysteriöse des nieder gekommenen Nebels, die halbverschlafene Natur.
Doch ist das nur Stimmung? – Nicht nur. Diese Eindrücke wecken in uns Erinnerungen oder Sorgen in Bezug auf die Zukunft: Erinnerungen allenfalls an schwere Stunden, vielleicht an den Verlust lieber Menschen. Sorgen kommen einem auf, wenn man bedenkt, dass wir nicht wissen, was der Morgen bringt. Wir wissen nur, wie dieses Gedicht es auch so schön sagt, dass nicht nur die Blätter fallen, sondern auch wir… Nicht nur in der Natur ist die Vergänglichkeit präsent, auch wir sind vergänglich.
In manch einem steigt da die Angst hoch oder möglicherweise sogar die Verzweiflung, sodass man sich vielleicht selbst beschwichtigend zuredet: «Nur nicht zu viel daran denken!» Ja, der Tod als solches wird «totgeschwiegen». Da schaut man lieber weg, man geht nicht gern auf Trauernde zu, da wird diese grosse, ernsthafte Sache kleingeredet. Dabei ist das aus christlicher Sicht der springende Punkt der menschlichen Existenz: Dass ich weiss, mein Leben geht einmal zu Ende. Und wenn es mich auf dieser Erde nicht mehr gibt, dann bin ich in der Ewigkeit. Wenn meine letzte Stunde geschlagen hat, wenn ich den letzten Atemzug getan habe, dann stehe ich urplötzlich vor dem ewigen Gott.
Der Tod ist das Geheimnisvollste, was uns betrifft. Deswegen packt viele Menschen im Angesicht des Todes bedauerlicherweise Panik. Ist es da nicht trostreich zu wissen, dass wir im Moment unseres Todes nicht nur vor Gott als dem ewigen Richter stehen, sondern auch vor unserem Erlöser? Jesus Christus hat uns erlöst und so wird er uns beurteilen, als seine Kinder, wenn wir eines Tages vor ihm stehen. Er will unser Heil, nicht unser Verderben.
Christsein bedeutet: Ich stehe allüberall und zu jeder Zeit vor meinem Gott. Die Augen Jesu Christi schauen mich allezeit liebend an. Christen stehen vor Gott und den Menschen in Verantwortung. Verantwortung vor Gott bedeutet: Gott hat einen Willen für mich, und ich will mit ganzer Kraft diesen Willen Gottes für mich tun. Und Christen stehen vor den Menschen in Verantwortung, denn Gott hat seinen Willen für uns auch in unseren Beziehungen. Mögen wir diesen Willen Gottes in der tätigen Liebe tun! Mögen wir Christen Worte finden, wo Worte fehlen. Mögen wir nicht wegsehen, sondern hinschauen bei Trauer, Einsamkeit und in Anbetracht der Ängste der Menschen. Gott hilft uns dabei. Ja, nicht nur die Blätter fallen, auch wir, «Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen unendlich sanft in seinen Händen hält.»

Pfr. Andreas Berde
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