«Vielleicht hört man Gott besser, wenn die eigene Seele stiller geworden ist.»
Jasmin von Wartburg,
«Das Leben wurde zu laut», sagt der Sprecher der Gruppe. Obwohl sie in einem Dorf leben, ist alles laut geworden. Vor allem, wenn es zur Arbeit geht. Die meisten sind sogenannte Wanderarbeiter. Sie fahren morgens in die Stadt und bekommen dort Arbeit. Auf einem Gutshof,
beim Hausbau oder beim Bau von Strassen. Abends schlafen sie in einer Baracke. Erst am Wochenende können sie nach Hause in ihr Dorf. Das alles wurde ihnen zu laut. Sie merkten, wie unruhig sie immer waren. Da kommt eine Frau auf eine Idee: «Wir treffen uns zu stillen Stunden», schlägt sie vor. «Da sitzen wir, schweigen und schreiben Gedanken auf. Oder kleine Gedichte. Die lesen wir uns vor.»
So machen sie es. Sie treffen sich zu stillen Sunden. Und erholen sich in der Stille. Nach einiger Zeit lesen sie sich vor, was sie aufs Papier geschrieben haben. Und staunen nicht schlecht über das, was ihnen durch den Kopf ging. Manchmal lachen sie, manchmal fliessen auch Tränen. Und eins ist immer: wenn sie auseinandergehen, fühlen sie sich erfrischt. Das geschieht in einem kleinen Dorf in China. Es wäre auch bei uns eine gute Idee: Stunden der Stille. Nicht alleine, sondern in einer Gruppe von Menschen, die auf ihre Gedanken hören und sich diese dann erzählen. Die sich gegenseitig erfrischen durch kleine Texte oder Gedichte. Menschen, die nicht übereinander reden, sondern Gedanken austauschen. Gedanken über das manchmal schwere Leben, das Leiden am Leben oder über Stunden des Glücks. Die Adventszeit hätte dann Stunden der Stille, die erfrischen.
Jesus mochte die Stille. Manchmal zog er sich zurück, wenn er lange mit Menschen unterwegs gewesen war. Vielleicht hört man Gott besser, wenn die eigene Seele stiller geworden ist. Vielleicht hört man auch sich selber besser, wenn man nicht dauernd redet. Dass Gott bald wieder zu uns kommt, ist ja nicht selbstverständlich. Wir könnten dankbar sein, dass er uns in der Welt nicht alleine lässt.
Dankbar wird man eher, wenn man still geworden ist. Und spürt, was man alles hat. Eine Wohnung, Essen und Trinken, ein paar liebe Menschen. Und Menschen, mit denen man sich treffen kann – vielleicht treffen zur Stille. Nicht nur zum Selberreden, sondern auch zum Hören und zum Austausch von Gedanken.
In der Stille begegnen wir uns selber. Das wird uns gut tun. Anfangs ist es vielleicht etwas ungewohnt und schmerzhaft. Aber nach einer Weile mit Blick in die Kerzen des Adventskranzes wird die Stille uns erfrischen. Und wir werden besser hören, wie Gott zu uns sagt: Habt nicht so viel Furcht; ich bin doch da für euch.
Danke, Gott; lass es Weihnachten werden in uns. Schenke uns die Zufriedenheit der Stille.
Jasmin von Wartburg, Pfarrerin