März
Karfreitag und Ostern: von Trauer zur Freude und wie aus Erzählen Hoffnung keimt.
Markus Dettwiler ,
Sie will nicht mehr. Und sagt das auch. Auf dem schönen Bänkli nahe der Bushaltestelle. Sie will nicht mehr leben. Neunzig Jahre ist sie jetzt alt, sieht aber aus wie fünfundsiebzig. Feine Haut, elegante Frisur, wie aus dem Ei gepellt. Das Laufen, sagt sie, die Luft. Seit vierzig Jahren ist sie Witwe. Der Mann starb von einer Minute zur anderen. Und sie war allein mit allem, zunächst mit dem Umzug. Dann mit dem Beruf. Arbeiten lenkte mich ab, sagt sie. Heute aber sind viele Tage gleich. Sonntags Kirche, das war gut. Geht aber auch nicht mehr. Das Laufen, die Luft. Zur Bank und zum Einkaufen fährt sie mit dem Postauto, das geht. Kerzengerade steht sie da. Man sieht ihr nichts an. Wenn doch der Herrgott ein Einsehen hätte, sagt sie.
Soll man ihr das ausreden? Nein, das soll man nicht. Jede und jeder hat ein Recht auf die eigenen Empfindungen. Der alten Dame wird das Leben zu viel. Das Sorgen und Putzen, das Einkaufen und Waschen. Sie hat das Recht, sich so zu fühlen. Sie darf den Herrgott bitten: Hol mich doch zu dir. Und zum Ehemann, der schon so lange tot ist. Wieder bei dem sein, der ihr Liebster war. Das redet man ihr nicht aus. Besser hört man einfach zu und achtet auf die Gefühle hinter den Worten. Die wollen ja eigentlich raus. Dieses viele Alleinsein, die verborgenen Schmerzen, vielleicht die Weltmüdigkeit. Das muss raus. Ist ja niemand in der Wohnung, der das mal hört. Dann eben bei nächster Gelegenheit – auf der Strasse, auf dem Bänkli oder an der Haltestelle. Da hört es jemand. Und redet nicht dagegen.
Die alte Frau putzt sich die Nase. Und muss Luft holen. Man hört den schweren Atem der Traurigkeit. Nachher ist sie wieder allein. Jetzt aber hört jemand zu. So schön war das mit meinem Mann, sagt sie. Leider ohne Kinder. Sonst aber nur Glück. Sie strahlt ein bisschen. Mein Nachbar fährt mich immer zum Friedhof. Seine Mutter liegt dort. Überhaupt die Nachbarn, sagt sie dann und zählt sie alle mit Namen auf. Ihr Gedächtnis ist blendend. Früher war mehr Streit, heute mögen wir uns. So ein Glück, sagt sie und sieht ihr Leben. Ihr ganzes Leben. Nicht nur die Traurigkeit dieser Tage. Lange schaut sie nur, vergisst alles drum herum. Eigentlich, sagt sie dann und holt Luft, eigentlich ging’s mir immer gut. Eigentlich ist es doch ganz schön, mein Leben.
Pfarrer Markus Dettwiler