Jannine Sutter

Juni

202406 zäme

Alle haben Geschichten
Markus Dettwiler ,
«Die haben alle Geschichten. Doch die kann man nicht sehen.» Ich sitze auf einer Bank vor dem Supermarkt. Menschen gehen an mir vorbei. Ganz unterschiedliche. Sie haben alle ihre Geschichten dabei. Auch wenn sie in den Gottesdienst gehen, zum Sommerfest kommen, wenn sie uns anrufen und sich über irgendetwas beschweren. Sie haben alle Geschichten dabei, wenn sie reden und reden und wir uns ungeduldig fragen, wann das Reden nur ein Ende haben mag. Sie haben alle Geschichten dabei, wenn sie aus der Kirche austreten und wir neue Stellen- und Finanzpläne ausrechnen müssen. Sie haben alle Geschichten, die Menschen, mit denen wir zu tun haben und für die wir hier Dinge entscheiden. Man kann sie nicht sehen, diese Geschichten, aber sie sind da. «Sei mal nicht so hart zu denen», sagt meine innere Stimme – und darin steckt die Erfahrung, dass man viel zu oft aus Ungeduld und Unkenntnis eben hart zu anderen ist.

Einmal jedoch war das, so hört man, anders. Jerusalem, ca. 50 nach Christus: «Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam. Und mit grosser Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und grosse Gnade war bei ihnen allen. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte und legte es den Aposteln zu Füssen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.» (Apostelgeschichte 4,32–35) Die Geschichte von der ersten Gemeinde in Jerusalem, die einträchtig zusammenlebte, die ihre Güter teilte, sie wird uns erzählt als Geschichte aus der Vergangenheit. Aber glauben wir sie? Können Menschen das sein, ein Herz und eine Seele, und alles teilen? Können die Menschen heute, mit ihren Geschichten, die Menschen, die im Supermarkt stehen mit den kleinen und grossen Sorgen, können die und können wir so zusammen leben – nicht hart miteinander, sondern freundlich und wohlgesonnen und freigebig?

Es ist die alte menschliche Sehnsucht nach erfüllter, freier Gemeinschaft, die in der Apostelgeschichte erzählt wird. Es ist die alte Erzählung, die alte Hoffnung, dass alle Menschen mit ihren Geschichten einen Ort haben, wo ihr grauer Alltag, ihre Schmerzen, ihre Wunden nicht das Entscheidende sind. Wo sie ihre Geschichten mitbringen können und doch im Zeichen der Liebe miteinander umgegangen wird. So war es mal, damals in Jerusalem, das wird uns erzählt, aber ob wir das glauben oder nicht: Auf jeden Fall war es dann schnell auch nicht mehr so.

Ja, es ist bis heute auch nicht wieder so gekommen. Wir sind hart zueinander, viel zu oft. Und ich entdecke bei mir selbst von Neuem, wie unbedarft ich über Menschen urteile, die ich doch eigentlich nicht wirklich kenne.

Seid mal nicht so hart zu euch und anderen – was wäre denn, wenn es einen Ort gäbe, eine Gemeinschaft, eine Gemeinde, in der dieser Ruf wirklich gehört würde. Eine Gemeinde, in der die alte Utopie der Apostelgeschichte nicht nur eine kitschige Geschichte ist, sondern ein – meinetwegen etwas zu romantisches, meinetwegen immer wieder unrealistisches und zu hoch gehängtes – Leitbild. Was wäre, wenn es eine Gemeinschaftgäbe, die wenigstens ein Abglanz dessen wäre, mitten in der Welt, wo man seine Geschichten mitbringen kann und sich nicht dafür schämen muss; ein Ort, wo auf diese Utopie hingewiesen wird, ganz beharrlich und freudig, mit dem Versprechen, dass es irgendwann so werden wird. Auch wir haben Geschichten und bleiben deswegen natürlich dahinter zurück, ein Herz und eine Seele zu sein. Aber was wäre denn, wenn wir uns etwas öfter vornähmen, es zu sein, und uns erinnern, dass die anderen ihre Geschichten haben wie wir auch? Aber was wäre, wenn wir das in die Beratungen bei Sitzungen noch stärker einbeziehen und immer wieder noch mehr untereinander leben würden? Und was wäre, wenn wir etwas öfter anstatt zu streiten und genervt zu sein sagten: Lass uns ein paar Meter gehen – dann kannst du alles erzählen? Aber was wäre nämlich, wenn genau das für Jesus Christus, dessen Kirche wir sein wollen und sollen, keine Utopie war, sondern wenn er es immer wieder gemacht hätte?
Einfach so. Ganz ohne Finanz- und Stellenplanung.
Pfarrer Markus Dettwiler
Bereitgestellt: 01.06.2024      
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