Stille
Ein Gut, das zu entdecken sich lohnt – vom Fronalpstock zum Sinai und zum See Genezareth
Markus Dettwiler ,
Auf 1922 m.ü.M, es ist 5:24 Uhr – ein Morgen auf dem Fronalpstock. Der Sonnenaufgang im Osten nicht bilderbuchmässig. Es geht um etwas anderes: Die Stille. Für den Bergtourismus ist es zu früh. Hin und wieder sehe ich eine Bergdohle, wie sie durch die Lüfte schwingt. Von der Welt unten – man sieht auf dem Bild Brunnen am Vierwaldstättersee – ist nichts zu hören, ausser man stellt es sich im Kopf vor.
Es ist nicht auf dem Bild zu sehen oder durch irgendetwas angedeutet, aber wir ahnen den akustischen Kontrast zum Dargestellten. Unterhalb der Gipfel im Vegetationsbereich erklingen zum Sonnenaufgang die Stimmen der Vögel. Das Rufen anderer Tiere erschallt. Und, so ist unsere Erfahrung, je tiefer man in die Täler kommt, desto lauter wird es. Da ist das Plätschern des Baches und das Rauschen des Wasserfalls. Und schliesslich werden die Geräusche der Natur von denen der Menschen abgelöst und übertönt. Da erklingen Stimmen, aber eben auch Arbeitsgeräusche, der Lärm der Technik. Gleich dem Nebelmeer wabert der Geräuschsmog durch unsere Dörfer und Städte.
Mir ist all dies sehr weit weg. Ich vernehme die Stille. Ich höre, wie alle Geräusche zwischen den Bergen versinken. Ich erinnere mich an die Erfahrung auf einem Gipfel im Sinai. Abends sind wir am Berg Mose angekommen und in der Nacht sind wir auf den Berg gestiegen. Es war ein mühsamer Aufstieg, da es ja noch dunkel und der Weg schlecht erkennbar war. Es war eine kleine Gruppe von Menschen. Wir suchten uns einen Platz, um die Dämmerung zu beobachten. Jede und jeder für sich. Ich merkte, wie die letzten Unterhaltungen abnahmen, zuletzt war es ganz still. Wir schwiegen, lauschten der Stille und schauten nach Osten. Wir blickten der Dämmerung und der aufgehenden Sonne entgegen.
Die Erinnerung mit den Bergen dort entspricht dieser hier auf dem Fronalpstock. Auch auf dem Sinai zogen sich bis zum Horizont Bergketten, von denen ich nur die Gipfel aus dem Dunst ragen sah. Die Gefühle von damals wurden in mir schlagartig wach. Ich fühle mich wieder in der absoluten Stille auf dem Berg Mose.
Ich sass da und horchte in die Stille. Ich dachte an Mose und seine Aufenthalte auf diesem Berg. Ich stellte mir vor, dass er genau so einen Sonnenaufgang erlebt hatte. Mose war aufgestiegen, um Gott zu begegnen und auf ihn zu hören. Er entfloh dem Lärm des Lagers, dem Trubel der Israeliten, um sich in der Stille auf Gott einzustimmen, ihm zu begegnen und sein Wort wahrzunehmen.
Mose brauchte die Stille, um auf Gott hören zu können. Er suchte die Stille und stieg auf den Berg. Dort sass er und hatte einen Blick vor Augen wie auf dem Fronalpstock. Er horchte auf die Stille und hörte auf Gott, der dann tatsächlich mit ihm sprach, der ihm auf diesem Berg die zehn Gebote gab, der nach dem Bericht der Bibel lange mit ihm redete. Nur in der Stille fern des irdischen Lärms mit diesem Blick über die Berge vor Augen war Mose bereit und fähig, Gottes Wort zu hören und aufzunehmen.
Es gibt aber noch einen zweiten Berg, an den mich meine Fronalpstock-Erfahrung erinnert. Auch auf dem Berg Tabor, dem Berg der Verklärung, bin ich damals auf meiner Israelreise gewesen. Auch von ihm aus kann man über die mit Morgendunst gefüllten Tiefen die unterschiedlichen Berggipfel bis zum Horizont erkennen. Der See Genezareth unten und dann die Sicht auf die Bergspitzen bis weit nach Jordanien hinein. Auch hier habe ich die Stille genossen und den Sonnenaufgang beobachtet. Auch hier nahm mich die Stille gefangen.
Hier habe ich dann an Jesus gedacht. Auch er entfloh den Geräuschen der Menschen und suchte die Stille auf den Bergen oder in der Wüste, um dort zu beten und seinem Vater zu begegnen. Er tat es immer wieder. Er sucht die Stille. Er zieht sich vom lauten Trubel zurück in die Stille.
Nun, was macht das jetzt mit mit Ihnen? Haben auch Sie das dringende Bedürfnis, sich aus dem lauten Trubel dieser Welt zurückzuziehen? Hoffentlich haben Sie auch manchmal das Bedürfnis, in aller Ruhe mit Gott zu sprechen, auf ihn zu hören und sich auf ihn einzulassen. Der Rückzug in die Stille kann dabei sehr hilfreich sein. Das muss allerdings nicht immer ein Berggipfel im Sonnenaufgang sein, sondern kann auch ein guter Kirchenraum, eine Meditationsecke oder eine Bildbetrachtung sein.
«In der Stille liegt die Kraft» – das Kreuz als Verbindung zwischen Himmel und Erde – der eigenen Spiritualität Raum geben und dabei entdecken, dass das Gespräch mit Gott eine Quelle der Kraft ist. Dies üben die Jugendlichen im KonfKompass-Kurs: 28 junge Menschen treffen sich jeweils in der Kirche und beginnen mit einer dreiminütigen Stille – gar nicht so leicht – aber mit einem wertvollen Effekt: aus dem hektischen Alltag auszusteigen und der eigenen Seele Raum zu geben, um mit Gott ins Gespräch zu kommen: Übung macht die Meister*in. Eine schöne Erfahrung.
Pfarrer Markus Dettwiler