Gott weint
Eine scheinbare Nebensache gewinnt Gewicht
Markus Dettwiler ,
«Heulende Männer haben Konjunktur.» So war vor Kurzem auf einem Social-Media-Kanal zu lesen. Über alle Berufsgattungen ist das sichtliche Weinen als emotionale Ausdruck in einer kaum fassbaren Situation sichtbar geworden. Man könnte meinen, dass heute fast inflationär geweint wird, denn Tränen lügen nicht, sagt man. Vor allem die Männerträne hat an Akzeptanz gewonnen. Neu ist das nicht, das gab es schon alles, in der Vergangenheit waren weinende Männer durchaus erlaubt. Doch sie hörten damit auf, als es aus der Mode kam: «Männer sollten sich an der Bar besser einen Whiskey bestellen, statt laut zu schniefen. »
Heute sind – zumindest in der Medienöffentlichkeit – die meisten Profis kalkuliert nahe am Wasser gebaut. Das verschafft Glaubwürdigkeit. Mit einer Ausnahme: In der Politik ist weiterhin die Unverletzlichkeit der Harnisch zum Erfolg. Wer hat eine Ministerin, einen Regierungschef, eine Bundesrätin oder Bundesrat je in Tränen gesehen? Lediglich Emmanuel Macron zeigte an einer Trauerfeier in Martigny sein menschliches Gesicht und zwinkerte sich eine Träne weg. Die Übrigen mit versteinerter Miene gestatteten sich keinerlei Ausdruck.
Im Johannesevangelium 11,35 ist zu lesen: «Und Jesus weinte.» Jesus bricht in Tränen aus über den überraschenden Tod des Freundes Lazarus, so wie wir weinen, wenn der Tod gewohnte Lebensbande ein für alle Mal zerreisst. Dass Jesus weint, wird nicht nur einmal berichtet. Weint Jesus beim Blick auf Jerusalem aus Verzweiflung, Hilflosigkeit oder gar Wut über die Aussichtslosigkeit, die Menschen dort zu erreichen und zum Umdenken zu bewegen? «Und als er nahe herzukam, sah er die Stadt und weinte über sie.» (Lukas 19,41)
In unserer aktuellen Lebenssituation gibt es gerade viel zum Weinen. Der menschliche Machthunger oder die Angst, Macht zu verlieren kippt weltweit unablässig Öl ins Kriegsfeuer, lässt Millionen Menschen an Leib und Seele versehrt werden oder nimmt ihnen das Leben, weil es an vielen Orten dieser Welt nicht gelingt, vernünftig in Verhandlungen konkrete Schritte zu vereinbaren, Not zu verringern und Lebensbedingungen zu verbessern.
Wird es immer schlimmer? Ich fürchte, ja und nein: Auch früher durften Kriege dreissig Jahre alt werden, bevor der Friedenswille den Hunger nach Geld und Einfluss aufwog und Menschenleben mehr als überleben durften.
Wie gut, dass heutzutage auch Jungen, Sportler und Politiker weinen dürfen. Tränen können Trauer und Schmerz aus der Seele spülen und befreien. Tränen signalisieren, dass Tragen, Ertragen und Aushalten an eine Grenze kommen und die Fassung mit normalen Kräften nicht mehr zu halten ist. Mitmenschen reagieren zumeist mit Stille und Anteilnahme. Hier ist jemand, für den alles gerade zu viel wird. Das Fass ist voll und läuft über. Wer Tränen nicht respektiert, ist roh. Gewaltbereitschaft wächst, wo Empathie ein Fremdwort ist.
Zugelassene Trauer kann bearbeitet werden, unterdrückte Trauer hingegen lähmen. Fest gehaltene Trauer vertreibt Leben und Freude und zementiert Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit.
Wer die eigenen Gefühle halbwegs kennt, die guten wie die schlechten, und zu ihnen steht, ohne alles und jedes notwendigerweise «auszuleben», hat es leichter, sich selbst anzunehmen. Die Chance, andere anzunehmen, dürfte wachsen. Wer Gefühle unterdrückt oder abwehrt, kann die Balance verlieren. Im schlimmsten Fall machen unverdaute Gefühle bitter oder gehässig. Unerwiderte Gefühle schmerzen. Schmerzen sind nie schön; wohl dem Menschen, der sie trotzdem annehmen kann.
Im Zentrum des christlichen Glaubens steht eine menschliche Person, die fühlt und mitfühlen kann. Gott hat sich mit diesem Menschen verbunden.
Die alte Kirche kämpfte um ein Glaubensbekenntnis zur vollen Menschlichkeit Jesu mit Leib, Seele und Geist, einen Herrn, der Anteil nehmen, zürnen, essen, schwitzen, am Kreuz sterben und eben auch weinen durfte. Jesus von Nazareth sollte nicht in der griechischen Kultur als schmerzunempfindlicher, unversehrbarer und unvergänglicher Halbgott oder in höchste Sphären abgehobenes abstraktes Einheitsprinzip untergehen.
Halten wir dies Geheimnis fest, dass Gott ganzer Mensch geworden ist in Jesus – einschliesslich Mitgefühl: «Wer mich sieht, der sieht den Vater» (Johannes 14,9)? Halten wir 1700 Jahre nach dem Glaubensbekenntnis von Nizäa 325 fest, dass der Rabbi aus Nazareth als Mensch aus Fleisch und Blut Worte aus dem Urgrund des Menschseins und der Ewigkeit sprach: „Amen, amen, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben“ (Johannes 5,24)
Mitgefühl tröstet, unerbittliche Härte lässt verkümmern und tötet. Gott steht am eigenen Leib dafür ein.