Jannine Sutter

Warum gibt es den Ostermontag?

Der Weg nach Emmaus (Foto: Ulises Wensell)

Die vergessene Geschichte des zweiten Tages
Jasmin von Wartburg,
In der christlichen Tradition erzählt der Ostermontag die Emmausgeschichte: Zwei entmutigte Jünger wandern nach der Kreuzigung von Jerusalem nach Emmaus. Unterwegs gesellt sich ein Fremder zu ihnen – Jesus selbst, den sie jedoch nicht erkennen. Erst beim gemeinsamen Abendessen, als er das Brot bricht, gehen ihnen die Augen auf. (Lukas 24, 13-35)
In dieser Geschichte steckt eine starke Symbolik: Manchmal erkennen wir das Wichtigste erst im Nachhinein, oft liegt die Wahrheit im zweiten Blick, und die tiefsten Einsichten kommen nicht immer im grossen Moment, sondern auf dem Weg danach.

Vom »Warum« zum »Wozu« – ein Wechsel der Perspektive
Der Karfreitag rüttelt an unserer Existenz: Warum passiert das? Warum sind wir hier? Diese Frage ist in die Vergangenheit gerichtet. Der Ostermontag verkörpert genau diesen Übergang vom »Warum« zum »Wozu«. Was mache ich mit dem, was da passiert ist? Diese Frage ist in die Zukunft gerichtet. Der Ostermontag ist der Tag, an dem sich die Verwirrung zu klären beginnt, an dem aus dem Schrecken Sinn entstehen kann.

Was können wir von diesem »Tag danach« für unser Leben lernen?
Wir leben meist von Erlebnis zu Erlebnis, von Aufgabe zu Aufgabe, ohne jemals innezuhalten und nachzudenken. Der Ostermontag erinnert uns daran, dass sich die tiefste Bedeutung oft erst im Rückblick und in der Verarbeitung erschliesst. Die Emmausjünger erkannten Jesus nicht in seiner überwältigenden Göttlichkeit, sondern in einer alltäglichen Geste – dem Brechen des Brotes. Sie erinnerten sich an das, was sie von Jesus kannten. Der Ostermontag zeigt uns: Was zunächst wie ein Ende aussieht, kann der Anfang von etwas Neuem sein. Was zunächst wie ein Verlust aussieht, kann zu einer unerwarteten Entdeckung führen. Die Geschichte der Emmausjünger lehrt uns: Manchmal ist unsere grösste Erkenntnis nicht der spektakuläre Moment der Auferstehung, sondern der stille Moment danach – wenn wir plötzlich verstehen, was wirklich geschehen ist. In einer Welt, die ständig nach dem nächsten grossen Moment, dem nächsten Höhepunkt, dem nächsten Erlebnis giert, könnte genau diese »Weisheit des Ostermontags« der Schlüssel zu einem bewussteren Leben sein.

Falls Sie Lust haben: Jeden Tag eine Aufgabe für die Woche nach Ostern im Sinne des Ostermontags

Montag: Nehmen Sie sich Zeit für einen »zweiten Blick« auf das vergangene Wochenende.

Dienstag: Achten Sie bewusst auf die kleinen, unscheinbaren Momente – oft liegt gerade darin der grösste Schatz.

Mittwoch: Teilen Sie jemandem eine Erkenntnis mit, die Sie erst »im Nachhinein« verstanden haben.

Donnerstag: Verwandeln Sie eine Warum-Frage in eine Wozu-Frage.

Freitag: Erinnern Sie sich an eine Situation, in der sich etwas zunächst Negatives als Segen erwiesen hat.

Samstag: Brechen Sie buchstäblich Brot mit jemandem – teilen Sie eine Mahlzeit und echte Gespräche.

Sonntag: Reflektieren Sie: Wie hat sich Ihre Sichtweise durch die bewusste »Zweite-Tages-Perspektive« verändert?

Pfarrerin Jasmin von Wartburg

P.S.: Manchmal braucht es einen »Emmausweg« – einen Spaziergang mit einem guten Gesprächspartner –, um zu erkennen, was wirklich wichtig ist. Falls Sie einen solchen Gesprächspartner für Ihre eigenen Lebensreflexionen suchen, sind wir für Sie da.
Bereitgestellt: 01.04.2026     Besuche: 31 Monat 
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