Jannine Sutter

Hoffnung als Seelenanker

Hoffnung 1 (Foto: Markus Dettwiler)

Der Anker als Glaubenssymbol wirft Fragen auf: Soll ich loslassen oder soll
ich festmachen?
Markus Dettwiler ,
Die Konfirmationsurkunde in unserer Kirchgemeinde ist von drei Symbolen geprägt: Taube, Kreuz und Anker. Den Jugendlichen hilft diese Symbolik, alles was mit Glauben zu tun hat, auf einen Blick zu erfassen. Dabei schwingt immer auch Hoffnung mit, dass wir in unserem Leben von Gott begleitet, ja getragen werden, wenn wir in uns Schwachheit spüren. «Die Hoffnung haben wir als einen sicheren und festen Anker unserer Seele». (Hebräer 6,19). Und wenige Kapitel später liest man: «Darum werft euer Vertrauen nicht weg, welches eine grosse Belohnung hat». (Hebräer 10, 25) – Was also jetzt? Festhalten oder loslassen?

Einen Anker muss man doch wegwerfen. Man muss ihn loslassen, damit er hält. Darüber gibt es sogar einen Rätselspruch: «Man wirft es fort, wenn man es braucht und holt es wieder, wenn man es nicht braucht – was ist das?» Klar, der Anker. Wenn man ihn braucht, muss man ihn loslassen. Man muss den Anker hinunterlassen in das Wasser. Dorthin, wo es tief ist und dennoch einen festen Grund gibt. Damit man gehalten ist im Sturm, oder wenn man einfach in Ruhe bleiben möchte, wo man hingehört. Wo Zuversicht und Heimat ist. Dafür sorgt ein Anker.

Ein Anker ist dafür da, dass die Strömung einen nicht sonst wohin treibt. Denn das geschieht so schnell und Strömungen gibt es genug. Solche, die an der Oberfläche sichtbar sind und das Wasser kräuseln, Unruhe bringen und uns in Sorge versetzen. Und die Tiefenströmungen, tückisch und hinterhältig, kaum zu entdecken, bis sie einen in bodenlose Gleichgültigkeit oder in haltlosen Eigennutz hinunterziehen. In die tückischen Untiefen von Angst und Unsicherheit, in das Gefälle von «Wir gegen die».

Der Anker hält dagegen. Er hält mich am Grund meines Glaubens fest. Auf dem Boden der Gemeinschaft und des Vertrauens. Die Hoffnung hält mich fest, damit ich nicht forttreibe. Darauf setze ich meine Hoffnung. Aber dafür muss ich sie loslassen. Ich muss sie auswerfen, damit sie hält. Nur wenn ich meine Hoffnung loslasse, wenn ich mich auf sie verlasse, dass sie ankommt, findet sie einen Grund. Dann hält sie mich. Sie verbindet mich mit dem Grund meines Glaubens. Mit dem, was in der Tiefe meiner Hoffnung verborgen liegt.

Man muss den Anker loslassen, damit er sich festmachen kann. In dem tiefen Grund unter dem Wasser. Auf dem Grund des Vertrauens. Oft unsichtbar und verborgen in den Strömungen und Untiefen des Lebens. Dennoch ist der Grund da. Und an ihm findet die Hoffnung ihren Halt. Weil er der feste Grund der Hoffnung ist. Der Grund des Glaubens. Der Ort, an dem die Hoffnung sich verhaken kann. Dieser Grund ist Jesus Christus. In ihm ist Gott dem Leben auf dem Grund gegangen und dem Tod auch. In Christus hat Gott sich mit uns verbunden und sich uns überlassen, damit wir uns auf ihn verlassen.

Vertrauen macht verletzlich, es liefert einen aus. Gott hat das in Christus am eigenen Leib erfahren müssen. Aber er hat es nicht dabei belassen. Er hat uns nicht dem Tod überlassen, sondern einen Grund geschaffen für unsere Hoffnung. Seeleute haben aus dieser Überzeugung ein Tattoo gemacht: Ein Anker mit einem Querbalken. Anker und Kreuz. Beides gehört zusammen. Daran halte ich fest, daran hält Gott mich fest. Meine Hoffnung ist verankert in der Hoffnung auf Gottes Versprechen: Nicht der Tod hat das letzte Wort über uns, sondern das Leben das erste. So ist meine Hoffnung festgemacht in dem Versprechen, für das Christus steht mit seinem Leben und Sterben: «Fürchte dich nicht!»

Das ist der Grund für meine Hoffnung. So hält sie mich. Denn so ist es wohl richtig: Nicht ich halte die Hoffnung, die Hoffnung hält mich. Also werfe ich meine Hoffnung nicht weg, sondern ich lasse sie hinunter auf den Grund meines Glaubens. Ich lasse los und lasse mich halten. Denn die Hoffnung ist ein sicherer Anker für meine Seele.
Pfarrer Markus Dettwiler
Bereitgestellt: 30.04.2026      
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