Jannine Sutter

Wege entstehen, wenn…

Weg (Foto: Markus Dettwiler)

Trampelpfade, Wunschpfade und die Sehnsucht, die darin liegt.
„Wunschpfade“ nennt man solche Pfade, die dadurch entstehen, dass Menschen die angelegten Wege verlassen und eigene Routen prägen. Oft sind es Abkürzungen, die quer über eine Wiese führen, oder kleine Schneisen im Unterholz, die zwei Wanderwege miteinander verbinden. Die spontane Entscheidung eines oder einer Einzelnen steht am Anfang eines Wunschpfades – und andere folgen, nutzen den zunächst nur ganz vage erkennbaren neuen Weg, finden ihn effizienter, attraktiver oder vielleicht auch einfach abenteuerlicher als den offiziellen. Je weicher, je naturbelassener der Untergrund ist, desto deutlicher ist der Wunschpfad erkennbar. Für Stadtplaner:innen sind Wunschpfade ein wichtiges Feedback: Sie geben Auskunft über die Interessen und bevorzugten Wege der Nutzer:innen. Etwas weniger poetisch könnte man Wunschpfade auch als Trampelpfade bezeichnen. Im Wunschpfad hingegen klingt etwas mit von der Sehnsucht, etwas Neues zu wagen. Wunschpfade sind also mehr als nur informelle Wege im Gras oder Wald. Sie sind Sinnbilder für den inneren Drang, Neues zu entdecken, für den Mut, vertraute Pfade zu verlassen und den eigenen Weg zu suchen.

Wunschpfade sind Momentaufnahmen – so wie dieser Pfad durch das Gras am Rand eines Feldes. Hinter den Bäumen und Büschen ist eine Kirche. Ob sie es war, die die Menschen dazu geführt hat, gewohnte Wege zu verlassen und am Feldrand entlangzugehen? Was haben sie gesucht? Stille? Einkehr? Kühle an einem warmen Sommertag? Auch bei diesem Pfad auf dem Bild ist deutlich: Eine, einer wird begonnen haben, immer mehr sind gefolgt, bis das Gras runtergetreten ist und ein neuer Weg entsteht. „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht“, sagt man. Es gibt Pfade, die entstehen, indem man sie immer wieder geht. Und dann entsteht eine Linie, eine Kurve. Ein Foto davon bleibt immer nur eine Momentaufnahme. Wenn Menschen aufhören, diese Pfade zu gehen, dann verschwinden sie wieder, wachsen zu und werden wieder zum Teil der Natur. Vielleicht bleiben die Pfähle. Wunschpfade stellen einen Eingriff in die Natur dar, sind aber vollkommen reversibel. Wenn buchstäblich Gras drüber gewachsen ist, ist von ihnen nichts mehr zu sehen. Nur die Erinnerung bleibt, oder ein Foto.

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht. Wunschpfade sind Weg gewordener Ausdruck einer Sehnsucht, einer inneren Stimme. Solche Pfade liegen am Anfang noch nicht klar und breit ausgetreten vor uns. Vielleicht ist es nur eine Idee, ein inneres Bild auf dem Weg zu einem lohnenden Ziel. Vielleicht ist am Ende eine Kirche. Vielleicht ist da jemand, der zum Aufbruch ruft, erst ganz leise, dann immer lauter. Vielleicht ist es dieser Impuls, der einfach nicht verschwinden will, etwas zu tun, zu wagen, aufzubrechen. Irgendwann ist die Zeit reif für den ersten Schritt auf dem Wunschpfad. Und der Weg entsteht beim Gehen.

In der Bibel gibt es unzählige Geschichten von Menschen, die aufgebrochen und ausgebrochen sind. Auch sie haben Wunschpfade geprägt: Weil einer losgegangen ist und viele ihm gefolgt sind, bis die Spur immer deutlicher wurde, sich immer tiefer eingeprägt hat in eine Landschaft, eine Gesellschaft, eine Kultur. „Geh aus deinem Vaterland“, sagt Gott im ersten Mosebuch zu Abraham, dem Urvater aller Aufbrechenden. „Geh in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich segnen, und du sollst ein Segen sein.“ Und Abraham ging, und sein Bruder und seine Frau und viele andere gingen mit und kamen hinterher. Und der Weg, den sie gegangen sind, wird zum Sinnbild der Wunschpfade aller, die neue Wege gehen und darauf vertrauen, dass Gott sie segnet.

Pfarrer Markus Dettwiler
Bereitgestellt: 25.06.2026      
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