Endlich Engel
Engelsgeschenke
Jasmin von Wartburg,
Steffen ist zufrieden mit sich, als er aus der Wohnung des alten Herrn kommt. Endlich kann er tun, was er schon lange vorhatte. Nämlich: ein wenig genauer zuhören – und auch ein bisschen helfen.
Vor Wochen hat Steffen in der Zeitung gelesen, dass es so kleine „Signale der Einsamkeit“ gebe. Es fällt ein Satz, hiess es da, und darin klingt etwas vom Alleine-sein mit. Zum Beispiel sagt jemand: „Die anderen haben alle ihr eigenes Leben.“ Das ist auch ein bisschen wie ein Seufzer, dass man leider nicht dazugehört. Oder: „Ich will niemandem zur Last fallen.“ Da klingt noch mit, dass man sich ein bisschen Hilfe wünscht. Oder der kleine Satz: „Das interessiert doch sowieso niemanden“ – er ist wie ein sanfter Hilferuf, auch einmal von sich erzählen zu dürfen. Manchmal muss man gegen die Buchstaben hören, hat sich Steffen beim Lesen gedacht. Dann verbirgt sich etwas in den Worten, was wie das Gegenteil der Worte ist.
Und am Schluss des Zeitungsartikels steht dann noch der Satz: Engel hören auch das Ungesagte. Als Steffen das las, war es um ihn geschehen, sozusagen: Er wollte Engel werden.
Und wurde Engel. Ihm fielen nämlich bald darauf zwei Menschen ein, die vielleicht Hilfe brauchen. Einer im gleichen Haus, eine andere in der Nachbarstrasse. Steffen meinte auch, dass die schon mal gesagt hatten: „Ich will niemandem zur Last fallen.“ Er wollte nicht aufdringlich sein – aber kümmern wollte er sich schon. Also machte er Termine ab und ging auf Besuch. Er hatte sich nicht geirrt. Beide Älteren wollten zwar gerne noch ganz selbstständig sein, waren es aber nicht mehr. Steffen machte ihnen ein kleines Angebot zur Hilfe. Beide zögerten, nahmen dann aber an.
An dem Tag, als er aus der Wohnung des alten Herrn kam, war er froh und Gott dankbar. Endlich Engel.
So geht das bis heute. Steffen kümmert sich um die beiden alten Herrschaften, eine dritte Familie ist noch dazugekommen. Denen hilft er auf der Gemeinde mit der deutschen Sprache; mehr schafft Steffen nicht, schliesslich arbeitet er selber ja auch. Aber er hat jetzt etwas feinere Ohren, findet er. Wenn Kunden etwas sagen, achtet er – wenn irgend möglich – auf Zwischentöne. Er weiss jetzt: Engel hören auch das Ungesagte. Steffen will niemandem seine Hilfe aufdrängen – aufpassen will er aber schon. In den Worten von Menschen, so hat er gelernt, verbergen sich immer kleine Signale; manchmal können das auch Signale der Einsamkeit sein. Auf die will er besonders achten und darum auch gerne Engel bleiben – jedenfalls ein bisschen. Je ferner uns Gott scheint, denkt Steffen, desto näher sollen seine Engel sein.
Pfarrerin Jasmin von Wartburg