Eine Geschichte vom Gut-werden
Wie Veränderung Lebenssinn ermöglicht
Markus Dettwiler ,
Als er zwanzig Jahre alt ist, sagt Nico, begeht er den grössten Fehler seines Lebens. Er wird verurteilt zu acht Jahren Haft wegen schweren Raubes. Er habe ein Jahr gebraucht, sagt er, bis er wirklich verstanden habe, dass er die Zellentür nicht allein öffnen kann. Im Gefängnis kann er nur eins – und das sei das Beste gewesen, was ihm in seinem Unheil geschehen konnte: Er lernt, diszipliniert zu sein. Und er beginnt eine Lehre als Bäcker. Sein wirklicher Neustart beginnt mitten im Unglück. Dabei hat er Hilfe: Ein Verein kümmert sich um ihn und unterstützt ihn, wo immer es geht. Der Verein ist dafür gegründet worden, jungen Strafgefangenen zu helfen. Sie sollen nicht das Gefühl haben, hinter dicken Mauern eines Gefängnisses vergessen zu werden. Nico klammert sich an den Verein. Der tut ihm gut.
Nach vier Jahren im Gefängnis schafft Nico die Gesellenprüfung – mit einem Sechser.
Und er erfährt eine Demütigung. Es gibt ausserhalb des Gefängnisses eine Feier der Bäckerzunft für alle neuen Gesellen. Nico dürfte dabei sein – aber nur mit einer Fussfessel. Das wollen die anderen Gesellen nicht. Nico fühlt sich ausgegrenzt, gleichzeitig aber auch angestachelt. Er arbeitet weiter hart in der Backstube des Gefängnisses. Vor einem Jahr wurde er auf Bewährung entlassen. Und jetzt ist er Geselle in einer Bäckerei. Sein neuer Traum ist, sagt er: Ich will Bäckermeister werden und weiterwachsen.
Ein Mensch wird menschlich – so könnte man die Geschichte von Nico überschreiben. Aus einem, der Unheil anrichtet, wird ein Mensch, der sich und anderen Gutes tut. Als gebe er seinem Leben eine neue Richtung. Beinahe wie Paulus, der erst Christen mit Eifer verfolgt, bis er dann selber Christ wird und anderen von Christus erzählt, der Menschen heilen kann.
Menschen ändern ihr Leben, manchmal um 180 Grad. So etwas gibt es, wenn auch nicht in ein paar Stunden oder Tagen. Meistens schlummert etwas tage- oder monatelang in diesen Menschen. Eines Tages dann, für unsere Augen plötzlich, packen sie es an. Sie wenden sich dem Guten zu. Alle, die das mitbekommen, sind beeindruckt. Auch von Nico, der oft im Leben hören musste: „Das schaffst du nie!“ Diesen Satz, sagt Nico, habe er irgendwann für sich umgedreht und zu sich gesagt: „Ich will mir beweisen, dass ich es doch kann!“
Und er kann. Wenn nur wenige Menschen um ihn sind, erzählt Nico seine Geschichte, seine Geschichte vom Gut-werden. Und von der Dankbarkeit. Nico vergisst nicht, wer ihm jahrelang beistand und geholfen hat. Und schenkt ihnen manchmal Kuchen, den er für sie gebacken hat.
Pfarrer Markus Dettwiler